SON OF THE VELVET RAT

Sanft seufzt die Melodica, dann setzt die Band ein. Sie spielen einen langsamen Marsch, auf
Samtpfoten. Nach einer halben Minute meldet sich Violinist Bob Furgo mit einer
improvisierten Melodie zu Wort, in der genauso viel irischer Folk wie La vie en rose steckt.
Augenblicklich finden wir uns in jener amerikanisch-europäischen Welt wieder, die Furgos
Geige einst auf Leonard Cohen-Platten heraufzubeschwören pflegte. Eine weitere halbe
Minute später setzt endlich diese Stimme ein. “I’m the paintbrush, not the painter”, singt
Georg Altziebler sein methodisches Manifest der folgenden zehn songförmigen Geschichten,
die sich scheinbar ohne Kraftaufwand ganz von selbst erzählen: “I am just the singer, not the
song / All I really did was sing along.”
Es ist die schlaue Umkehr eines alten Klischees (“It’s the singer not the song”), das Vertraute
dient als eleganter Zugang zu einer eigenständigen Vision.
Nachdem Produzent Joe Henry Son of the Velvet Rat auf ihrem Vorgänger-Album Dorado in
sein Studio in Culver City umgesiedelt hatte, entstand Solitary Company direkt am Schauplatz
der Altzieblerschen Poesie. Weit draußen am Ende einer Staubstraße steht Gar Robertsons
Red Barn, ein Haus voller liebevoll restaurierter Vintage-Verstärker, Keyboards und
Aufnahmegeräte, wo zwischen Januar und April 2020 der Großteil des Albums eingespielt
wurde.
“I’m gonna take Avalon to Lander’s Brew”, singt Altziebler in “When The Lights Go Down”
und referenziert dabei sowohl eine Straße in seiner Nachbarschaft als auch die einsame Bar an
deren Ende, auf deren kleiner Bühne er und Heike in den letzten Jahren ihrem Publikum
exzentrischer Wüstenbewohner*innen so manche denkwürdige Show geboten haben. Wie
üblich lässt der Text viel Freiraum zur Interpretation. Vielleicht sind wir in einem Film Noir
(“Wash the blood away from your fingernails / Get rid of the gun on Sunflower Trail”) oder
aber auch mitten in der vom Klimawandel verursachten Apokalypse. Bilder, die viel zu
surreal sind, um als Folk durchzugehen. Solitary Company beschreibt vielmehr “a secret
parallel world behind the clouds” (Zitat aus “Beautiful Disarray“).
In „The Ferris Wheel“ dreht sich ein Riesenrad unter der Erdoberfläche und in „11 & 9“ setzt
ein Pärchen am Roulette-Tisch sein ganzes Geld auf das Datum von Heike und Georgs
Hochzeitstag. Im Titelsong wiederum beobachten wir durchs Hotelfenster ein Pärchen beim
Liebemachen, dazu der Klang eines von Kontrabassist Eric McCann arrangierten
Streichquartetts in kongenialer Konversation mit der Bauernleier des Matthias Loibner.
Alles endet mit “Remember Me”, der bewegenden Geschichte eines alten Fischers, inspiriert
von einer zufälligen Entdeckung auf einer verlassenen Mittelmeer-Insel.
Nicht viele Künstler*innen vermögen durch derart subtile Stil-Schattierungen so viele Räume
zu eröffnen und nicht viele Alben nehmen den/die Zuhörer*in auf solche Reisen mit.
Zurück in der neuen Welt sind Son of the Velvet Rat mittlerweile ein integraler Bestandteil
der Musikszene von Joshua Tree geworden, die diesem mysteriösen charismatischen Paar aus
Österreich mittlerweile mit viel Respekt begegnet. Beim Hören von Solitary Company wird
klar warum.

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Datum

Sa. 21. August 2021
Beginn: 21 Uhr

Einlass: 19 Uhr

Vorverkauf

freier Eintritt

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